Ein "Ochsenkopf" über dem Elbtal

Im Tal der Ahnungslosen - Westfernsehen Marke Eigenbau


Buch und Regie: Ute Bönnen und Gerald Endres
Kamera: Martin Gressmann
Schnitt: Steffen Werner
Redaktion: Katja Wildermuth, Martin Hübner
Produktion: MDR
Erstausstrahlung: MDR 2004 (30-min-Fassung)
Länge: 45 min (MDR 2005)

 

Inhalt:
"Tal der Ahnungslosen" wurde die südöstliche Ecke der DDR genannt, in der über Antenne Westfernsehen nicht oder nur schwer empfangen werden konnte, während der Rest der Republik abends ganz selbstverständlich die Sendungen von ARD, ZDF und später auch der Privatsender sah.
Die Beschränkung auf das DDR-Fernsehen und seine gefilterte Information hatte jedoch eine paradoxe Wirkung: Die Gegend um Dresden war die Region mit den meisten Ausreiseanträgen, den meisten Eingaben und der größten politischen Unzufriedenheit.

Früh gab es private Versuche, mit abenteuerlichen Antennenkonstruktionen das Westfernsehen auch im Tal der Ahnungslosen zu empfangen, doch damit bekam man allenfalls auf irgendwelchen Höhenzügen und mit viel Glück ein verrauschtes Bild auf den Schirm. Die Situation änderte sich erst, als immer mehr Wohngebiete und Wohnanlagen Gemeinschaftsantennen bekamen und West-TV auch über Satellit zu empfangen war. Jetzt gab es die Möglichkeit, über ein Kabelnetz das Westfernsehen zu verbreiten, aber das war mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Die Kabelgemeinschaft musste erst zusammengebracht werden, Material war immer knapp, und einige Bauteile für den Satellitenempfang gab es nur im Westen. Außerdem mussten Wohnungsverwaltungen, staatliche Organe und Parteiorganisationen dazu gebracht werden, das Treiben wenigstens zu dulden. Die Haltung der Obrigkeit war inkonsequent: Mal wurden die Antennengemeinschaften behindert, Parteigenossen in den Wohngebieten erhielten die Anweisung, sich aus den Bemühungen herauszuhalten, dann wieder wurde das Westfernsehen problemlos in die Kabelnetze großer Neubaugebiete eingespeist.

Den offiziellen Umgang mit dem Deang der Bürger zum Westfernsehen kann man ab Mauerbau grob in folgende Phasen einteilen (da es in der Regel keine offizielle "Orientierung" gab, sind in Einzelfällen immer Abweichungen möglich):

  • Aktive Bekämpfung zum Beispiel in Form der "Aktion Ochsenkopf" (FDJler sägten mit Unterstützung der Feuerwehr nach Westen ausgerichtete Antennen ab), berufliche und anderweitige Benachteilung von Westsehern, gelegentlich Bestrafung für die Weitergabe von Informationen aus Westmedien.
    Zeitraum: 60er bis Anfang 70er.
  • Missbilligende Duldung. Man fand sich damit ab, dass die Leute Westfernsehen schauten. Denoch war es nicht ratsam, das bekannt werden zu lassen, und konnte zu Ärger in der Schule, im Beruf und der Partei führen. Provozierende Antennenkonstruktionen riefen noch immer den ABV auf den Plan.
    Zeitraum: 70er bis Anfang 80er.
  • Hinhaltende Duldung. Es sprach sich herum, dass auch der Bau von Gemeinschaftsantennenanlagen für den Westempfang nicht mehr unterbunden wird. Das war besonders wichtig in den Randlagen des Tals der Ahnungslosen, in denen man mit einer aufwendigen Konstruktion doch etwas empfangen konnte. Die Initiativen mussten jedoch im halblegalen Raum agieren oder einen bürokratischen Hindernislauf absolvieren. Hauptproblem war das Besorgen von Material und Genehmigungen.
    Zeitraum: Anfang bis Mitte der 80er.
  • Duldung und partielle Förderung. Ab Mitte der 80er waren Westprogramme auch über Satellitenschüssel zu empfangen, die Technik in der DDR aber nur schwer erhältlich. Schon das zwang zu Gemeinschaftsempfang. Für Antennengemeinschaften mit oder ohne Satellitenempfang war jetzt das Hauptproblem die Besorgung der teuren digitalen Technik. Die Antennengemeinschaften mit dem offiziellen Ziel, "internationale" Fernsehprogramme zu empfangen, wurden von der Obrigkeit kaum mehr behindert, in eine Spätphase gelegentlich sogar als "Masseninitiative" materiell unterstützt. Westempfang war zwar bis zum Schluss kein offizielles Thema, aber Probleme deswegen konnte es al-lenfalls noch bei NVA-Angehörigen, niedrigen Funktionären etc. geben.

Der Film erzählt diese Geschichte aus der Sicht der Beteiligten: Wie war das, wenn man aus dem Tal der Ahnungslosen zu Besuch in andere Teile der Republik kam, in denen Westfernsehen zu empfangen war? Wie fühlte man sich, wenn andere Leute einfach besser informiert waren als man selber, und wenn sogar das DDR-Fernsehen sich auf Ereignisse bezog, die man nur aus den Westmedien kennen konnte?

Eine Rahmenhandlung des Films bietet der Operative Vorgang "Turm": Mitte der achtziger Jahre gingen anonyme Briefe ein, in denen mit der Sprengung des Dresdener Fernsehturms und anderer öffentlicher Einrichtungen gedroht wurde, wenn nicht der Empfang von mindestens drei West-Programmen ermöglicht wird. Das löste bei der Stasi ein penible Überwachung der gesamten Antennen- und Kabelnetzszene aus.

Spitzelbericht im Rahmen des Operativen Vorgangs "Turm"


Manuskript des Films (PDF)

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