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Inhalt:
Die deutschen Gebietsverluste
nach dem ersten Weltkrieg gehen bis auf Elsaß-Lothringen zu Lasten
Preußens, und es gibt ernsthafte Überlegungen, Preußen
aufzulösen. Die Gründe erinnern sehr an den Auflösungsbeschluß
der Alliierten von 1947: Preußen gilt als Hort der Reaktion und
des Militarismus, Außerdem fürchtet man die Übermacht
Preußens durch seine Größe im neuen Staatswesen.
Die Sozialdemokraten setzen schließlich den Erhalt Preußens
durch. Das hat mehrere Gründe: Sozialdemokraten sitzen schon auf
wichtigen Posten in Preußen, die sie nicht wieder aufgeben wollten.
Es ist abzusehen, daß nach dem Wegfall des Drei-klassenwahlrechts
Preußen dauerhaft (sozial-)demokratisch wählen würde.
Außerdem fürchtet man, daß eine Zerstückelung Preußens
den Gebietsansprüchen der Siegermächte zusätzliche Nahrung
geben würde. Preußen verliert ohnehin schon sehr viel Land.
Der Erhalt Preußens steht noch aus einem anderen Grund auf der Kippe.
Im Rheinland formiert sich mit Unterstützung der Franzosen eine separatistische
Bewegung. Sie strebt eine rheinische Republik an, - die einen innerhalb,
die anderen außerhalb des Reichsverbands. Eine wichtige Rolle spielt
dabei der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer. Später
erklärt er, er habe sich an die Spitze der Bewegung gestellt, um
Schlimmeres zu verhindern. Der Gegensatz zwischen Konrad Adenauer und
dem langjährigen preußischen Ministerpräsidenten Otto
Braun wird sich bis zum "Preußenschlag" hinziehen und
die Abwehr des Putsches schwächen.
Das Land Preußen entwickelt
eine erstaunliche politische Stabilität. Während keine Reichsregierung
eine volle Legislaturperiode durchhält, wird Preußen bis zum
Schluß von derselben Koalition aus Sozialdemokraten, Zentrum und
Liberalen regiert, - von den Parteien, die die Weimarer Demokratie begründeten.
Die Reichsbehörden sind oft Horte antidemokratischen Denkens, Preußen
bemüht sich, sein Personal zu demokratisieren und kämpft mit
allem Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, gegen Kommunisten und
vor allem gegen die Nationalsozialisten, während die Nazis in anderen
Ländern schon an der Regierung beteiligt werden.
Ministerpräsident in diesen Jahren ist der Sozialdemokrat Otto Braun,
ein knorriger Ostpreuße. In einer kurzen Phase als Gewerkschafter
bei den Landarbeitern hat er sich den tiefen Haß der Landjunker
zugezogen. Vorher hatten die Junker von den preußischen Ministerien
aus das Reich regiert. Jetzt sitzen die Herren mit dem Adels-titel und
dem "-witz" oder "-ow" am Namensende in den Reichsministerien
und pfuschen der sozialdemokratischen preußischen Regierung ins
Handwerk. Per Reichsgesetz wird Braun gezwungen, neue Wohltaten an die
ostelbischen Landherren zu verteilen, sein Versuch, das in eine Förderung
von Klein- und Mittelbauern umzumünzen, wird torpediert.
Das Ende dieser demokratisch-preußischen Epoche kommt mit dem "Preußenschlag".
Die preußischen Behörden waren ziemlich konsequent gegen SS
und SA vorgegangen. Um die Tolerierung seines Kabinetts durch die Nazis
zu erreichen, läßt Reichskanzler Franz von Papen die Kampfeinheiten
der Nationalsozialisten wieder zu. Den Zugriff auf Polizei und Verwaltung
Preußens sichert sich Papen, indem er per Notverordnung die preußische
Regierung absetzt und selbst als Reichskommissar die Amtsgeschäfte
übernimmt. Ausgerechnet die Camarilla preußischer Landjunker
um Hindenburg führt damit das faktische Ende Preußens herbei.
Der Widerstand gegen den Putsch ist schwach, juristische Schritte bleiben
folgenlos. Preußen existiert nicht mehr als eigenständige politische
Einheit. Es bleibt im gleich-geschalteten Nazireich als Verwaltungsgebiet
erhalten.
Verwaltungs- und Außengrenzen,
die nach dem Krieg die Alliierten ziehen, orientieren sich schon nicht
mehr am preußischen Staatsgebiet. Der Auflösungsbeschluß
der Alliierten konstatiert nur noch die Realität.
Unabhängig von den politischen Auseinandersetzungen um das Bundesland
Preußen durchzieht die Geschichte der Weimarer Republik und des
Nazireichs eine Auseinandersetzung um preußische Werte und preußische
Tradition. In den ersten Jahren verbindet der Wunsch nach Rückkehr
der Hohenzollernmonarchie die konservativen Demokratiegegner. Als preußisch
verstehen sie die wilhelminische Kombination von Militarismus, Obrigkeitsdenken
und Nationalismus.
Sozialdemokraten versuchen, die Loyalität gegenüber dem Staat
und den Gehorsam gegenüber den Gesetzen als preußisches Erbe
zu propagieren, aber gerade damit haben die preußischen Traditionsreviere
Beamtenschaft und Reichswehr nicht viel im Sinn. Die Reichswehr steht
bruchlos in der preußischen Militärtradition, ein Großteil
des Offizierskorps kommt aus alten preußischen Familien. Das Militär
bildet einen Staat im Staat, loyal einem selbstdefinierten Deutschland,
aber nur notgedrungen den Regierungen der Demokratie gehorsam.
Als die wahren Preußen verstehen sich die ostelbischen Großgrundbesitzer,
die jeden sozialen Wandel im Osten Deutschlands bekämpfen und staatliche
Subventionen für ihre unrentablen Güter als ihr gottgegebenes
Recht ansehen.
Auf die preußische Tradition
berufen sich auch die Nazis, wobei sie das nichtdeutsche Erbteil in der
preußischen Geschichte und den lange Zeit virulenten Gegensatz zwischen
Preußen und der deutschen Nationalidee verdrängen. Der preußische
Militarismus paßt dagegen recht problemlos zur nationalsozialistischen
Ideologie.
Der Anteil der Preußen unter dem nationalsozialistischen Führungspersonal
ist im Vergleich zum Bevölkerungsanteil auffallend gering. Es dominieren
die Süddeutschen. Das heißt nicht, daß die Nazis bei
den Preußen keine Unterstützung finden: Der konservative Preuße
identifiziert sich zwar nicht gerade mit den proletenhaften Braunhemden,
er empfindet sie jedoch als Verbündete.
So reagieren dann auch die alten preußischen Eliten in Verwaltung
und Militär, spätestens nachdem ihnen die neuen Herren klargemacht
haben, daß sie ihre Positionen nicht antasten. Daß Hitler
schließlich noch preußische Stammlande wieder zurückholt,
fördert Loyalität bis in den Untergang
Gerade weil die preußisch-protestantische
Ethik den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit als Wert an sich behauptet,
und gleichzeitig Regeln setzt, die über die irdischen Gesetze hinausgehen,
durchzieht die preußische Mentalitätsgeschichte eine ständige
Auseinandersetzung um den Gehorsam. Zu dieser Geschichte gehören
neben unzähligen Geschichten und Anekdoten Yorcks Eigenmächtigkeit
in Tauroggen wie Kleists "Prinz von Homburg". Die Attentäter
des 20 Juli handelten genauso in der preußischen Traditionen wie
die Militärs, die den Putschversuch niederschlugen.
Die letzte Folge der sechsteiligen
Preußen-Reihe zeigt, wie im Untergang Preußens noch einmal
alle Traditionslinien seiner Geschichte aufblinken und sich verweben.
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